Gesundes Unwissen

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Nein, es ist nichteinmal mehr Halbwissen, was ich da heute früh in einem zwei Tage alten Blogpost von „Matze“ (mittlerweile offline) lesen durfte. Denn Halbwissen setzt ja voraus, dass wenigstens die Hälfte stimmt.

Es sollte wohl ein megalustiger Nachruf auf die Piratenpartei werden, aber wenn man anderen Peinlichkeiten und Fettnäpfchen vorwerfen will, dann sollte man schon selbst wissen, wovon man spricht.

Es beginnt mit dem Vorwurf der Webhetze, Tatsachenverfälschung und Panikmache. Diese Worte scheinen „Matze“ zu gefallen, schliesslich tauchen sie in seinem Geschreibsel immer wieder auf. Welche Tatsachen verfälscht wurden, läßt „Matze“ jedoch offen, wahrscheinlich weiß er es selbst nicht. Panikmache? Zu welchem Thema denn? Überwachungsstaat? Nee, stimmt. Da ist alles in Ordnung. Schliesslich darf ja jeder wissen, wo ich mich gerade aufhalte und was ich letztens meiner Frau von der Dienstreise nachhause geflüstert habe. Ich habe ja nichts zu verbergen. Überwachungskameras müssen sein, damit Straftaten verhindert werden. So nützt es dem in München vor zwei Jahren fast tod geprügelten Rentner unglaublich viel, dass die Tat auf Video festgehalten wurde. Wie war nochmal die Aussage eines Passanten neulich bei einer (nachgestellten) Szene im TV? „Hier sind doch überall Kameras, da wird doch gleich jemand kommen.“ Ja, Überwachungskameras schützen unheimlich vor Gewalttaten. Wer sich dagegen wendet, der macht Panik. Achso, nee, die Piraten hatten sich ja nur um die Privatsphäre im Internet konzentriert. Denn dort sind besonders viele Überwachungskameras installiert.

Und Stoppschilder schützen vor Kinderpornographie. Wer sich gegen diese Stoppschilder wendet, der befürwortet gleichzeitig Kinderpornographie. So zumindest die doch recht einfach gestrickte Logik von Leuten wie „Matze“. Denn das Verbrechen selbst findet ja nur im Internet statt und wenn man da wegschaut, dann ist gar nix passiert. Ich finde, man sollte diesen Ansatz weiter verfolgen: Stellen wir doch demnächst einfach vor jede Strasse, in der ein Mord passiert ist, ein Stoppschild und lassen die Leiche liegen. Wenn keiner hinguckt, ist auch gar nix geschehen.

Aber „Matze“ nimmt sofort Anlauf für den nächsten Fehltritt. Die Piratenpartei in Schweden habe ihren Ursprung „bei der Raubkopier-Plattform Nummer eins: The Pirate Bay“. Nunja, das könnte man als Halbwissen durchgehen lassen. Denn einen Zusammenhang gibt es durchaus. Nur dass der Gründer der schwedischen Piratenpartei mit Pirate Bay nix zu tun hatte, sondern unter anderem für Microsoft arbeitete. Dass da durchaus eine differenzierte Betrachtung nötig ist, zeigt auch, dass der Pirate Bay-Gründer Peter Sunde zur Europawahl im Juni eben nicht die Piratenpartei, sondern die Grünen unterstützte. Aber Differenzieren und Informieren sind Dinge, die nicht jedem Blogger liegen. Polemik ist auch einfacher.

Den letzten Höhepunkt erreicht „Matze“ mit dem Interview mit der „Jungen Freiheit“. Ein echtes No-Go, wie schon andere Grössen aus Politik und Kultur mit ihren Interviews für diese Zeitung bewiesen haben. Dann begrüsse ich hiermit Egon Bahr, Michel Friedman, Placido Domingo, Peter Scholl-Latour und Charlotte Knobloch sowie den SPD-Bürgermeister von Berlin-Neukölln Heinz Buschkowsky in der rechtsradikalen Ecke. Denn wichtig ist eben nicht, was man sagt, sondern wer das Gesagte veröffentlicht.

Als Fazit bleibt, dass „Matze“ so ziemlich alles an Klischees und Falschinformationen heranzieht, um die Piraten in die passende Schubladen „rechtsradikal, Raubkopierer, Kinderpornographiefans“ zu schubsen. Als Pirat ist man das ja schon gewohnt. Insofern sollte man „Matze“ fast dankbar sein, dass er alles nochmal so sauber zusammengefasst hat.

Am meisten an der Realität vorbei schrammt „Matze“ aber mit seiner Überschrift. Nein, die Piratenpartei ist nicht tot.

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