Elektrisch nach Barcelona - Teil 1
Wir schreiben den 19. Juli 2023. DER SPIEGEL veröffentlich wie jeden Tag seine "Lage am Morgen". Unter der Überschrift "Urlaub mit E-Auto?" schreibt Markus Feldenkirchen: "Was ist schlimmer, als am kommenden Wochenende auf dem Weg in den Urlaub stundenlang im Stau zu stehen?... Die Antwort lautet: mit einem Elektroauto und leerer Batterie im Stau zu stehen. Gut, von Norddeutschland nach Spanien, Italien oder Frankreich würde sich vermutlich eh niemand mit dem E-Auto auf den Weg machen. Erst recht nicht mit Familie und Kindern."
Auch wenn es in diesem Fall um das vermeintliche Fernziel von 1000km Reichweite für Elektroautos ging: Doch, genau das hatten wir vor. Schon vor der Annahme von Herrn Feldenkirchen, dass niemand auf diese Idee käme, taten wir genau dies. Mit dem Elektroauto von Norddeutschland nach Spanien. Nicht mit Kindern, aber mit Hund. Warum denn auch nicht? Und wo ist der Unterschied, ob man mit leerem Akku oder mit leerem Tank im Stau steht? Beides kann man sehr leicht verhindern, indem man rechtzeitig tankt oder lädt. Aber wenn die beliebten Vorurteile gepflegt werden sollen, dann sind Fakten eher hinderlich.
Kurz zu den besagten 1000km Reichweite: Auch die meisten Verbrenner schaffen das nicht. Und praxisgerecht ist es auch nicht. Kein Mensch fährt 1000km am Stück, ohne etwas zu essen oder zu trinken oder ebendieses in eine geeignete Örtlichkeit wieder abzugeben. Mit Kind und/oder Hund ist diese Strecke noch unrealistischer. Und wenn ich sowieso anhalten muss, weil Hund oder Kind entleert werden möchten, kann das Auto auch an die Steckdose.
Der entscheidende Unterschied zwischen Tanken und Laden ist aber: Beim Tanken stehe ich neben meinem Auto, bewache den Tankvorgang, gehe dann in den Shop, um zu bezahlen. Wenn ich dann noch was essen oder trinken oder auf die Toilette möchte, sollte ich sinnvollerweise vorher mein Auto von der Tanksäule auf einen Parkplatz fahren. Wieviel Zeit geht dabei ins Land? 20 Minuten? Eine halbe Stunde? In der Zeit sind die meisten Elektroautos schon wieder auf 80% geladen. Und ich muss nicht daneben stehen und auch nicht hinterher zum Bezahlen irgendwo hin gehen. Das mit der Nahrungsaufnahme und -abgabe erledige ich, während das Auto an der Ladesäule steht und nicht danach.
Aber zurück zu unserer Urlaubstour. Da ich diesen Text erst nach unserer Rückkehr schreibe, kann ich das Fazit bereits jetzt geben. In einem Satz: Es ist überhaupt kein Problem.
Etwas ausführlicher: Wir haben uns nicht an die Empfehlung des ADAC gehalten und keine exakte Planung gemacht, bevor wir losfuhren. Und das war eine gute Entscheidung, denn Pläne sind dazu da, über den Haufen geworfen zu werden. Es gab zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Schwierigkeiten bezüglich des Ladens, der Reichweite oder was auch immer. Wir sind entspannt überall angekommen, haben viel gesehen und das Thema elektrisch Fahren war nur in den vielen netten Gesprächen an der Ladesäule ein Thema.
Gehen wir mal ins Detail. Wer erstmals Urlaub mit dem E-Auto plant, holt sich natürlich ein paar Tipps ein, worauf man achten sollte. Eine vermeintlich gute Anlaufstelle sollte der ADAC sein. Vermeintlich. Denn was man da so erfährt, ist zum Teil fernab der Realität oder einfach Unsinn.
In den Tipps vom ADAC für die Urlaubsreise mit dem E-Auto erfährt man vom ADAC Elektroautoexperten Matthias Vogt: "Grundsätzlich gilt: Hilfreich ist eine gute Reiseplanung – vor allem, wenn der Weg ins Ausland führt". Lieber ADAC, welchen Wert hat es, in Deutschland zu planen, dass ich am 17. August um 13:40 Uhr an der IONITY-Ladestation am Rastplatz Saint-Albain auf der A6 in Frankreich laden möchte? Keinen, wenn man gleichzeitig die anderen Tipps des Experten berücksichtigt: "denn es kann immer passieren, dass unvorhergesehene Umwege in Kauf genommen werden müssen, Ladestationen besetzt oder gar defekt sind". Abgesehen davon, dass es uns nur ein einziges Mal passiert ist, dass wir nicht dort laden konnten, wo wir wollten, kann genau diese Planänderung meine ganze Planung völlig durcheinander bringen.
Hinzu kommen die ganzen Faktoren, die den Verbrauch und damit die Reichweite oder die Reiseroute oder die Reisezeit beeinflussen. Stau, Gegenwind, ein Mitfahrer braucht eine Toilette... Es ist daher weder möglich, noch sinnvoll, vor der Abfahrt eine detaillierte Planung vorzunehmen. Wie mit jedem anderen Auto auch gilt: Losfahren und schauen, wann man wo pausieren muss oder möchte.
Eine weitere Veröffentlichung des ADAC fiel mir auf. Auf der Seite Ladestationen in Europa erhalte ich die Information, dass es in Deutschland pro 100km Strasse 39,5 Ladepunkte (und damit die meisten in Europa) gibt, während es in Frankreich nur 7,7 pro 100km Strasse sind. Da muss man aber einmal genauer hinschauen, um zu sehen, wie wertlos diese Zahl ist. Ein Beispiel: Am Kamener Kreuz hat EnBW einen Ladepark mit 52 Schnelladern errichtet. Knapp 100km weiter am Kreuz Hilden steht ein weiterer großer Ladepark mit über 50 Ladepunkten. Hier haben wir also auf 100km Stecke über 100 Schnellader nur in diesen beiden Ladeparks, dazwischen existieren zahlreiche weitere HPC-Lader. Das würde dann bedeuten, dass auf den umliegenden 300km dann gar keine Schnellader mehr sind? Und wie ist die Strasse definiert? Gilt jede Sackgasse in Kamen auch als Strasse?
Schauen wir nach Frankreich: Auf den klassischen Routen von Deutschland nach Süden, also auf den Autobahnen 31, 36, 6, 7 und 9 befinden sich an wirklich jedem Rasthof Schnellader. Keine 50, aber durch die gute Verteilung entlang der Strecke ist das auch nicht nötig. Und jeder, der schon einmal auf Frankreichs Autobahnen unterwegs war, weiß, dass französische Rastplätze eher einem Park ähneln als einer Autobahnraststätte wie man sie aus Deutschland kennt. Kinderspielplatz, Restaurant, Shop, Tankstelle und eben auch Ladesäulen gibt es überall und auch der Hund findet ausreichend Wiese für seine Geschäfte. Was lernen wir daraus? Die knapp 8 Schnellader auf 100km französischer Strasse sind in der Praxis deutlich besser platziert, als die durchschnittlich 39,5 Schnellader auf 100 deutschen Kilometern. Denn Autobahnraststätten an deutschen Autobahnen haben nur selten Schnelllader. Diese befinden sich eher auf Autohöfen oder noch weiter weg von der Autobahn, Umwege sind da garantiert.
Vor diesem Hintergrund ist der Hinweis, man soll gerade im Ausland mit Umwegen rechnen, eher nicht so angebracht, lieber ADAC.
Und noch ein weiterer Tipp des ADAC ist von der Realität sehr weit entfernt: "In Sachen Bezahlmöglichkeiten sollten E-Autoreisende flexibel sein. Nicht überall ist jede Art – EC-Karte, Kreditkarte, Smartphone, bar – möglich.". Mal ehrlich, Barzahlung an der Ladesäule? In welchem Jahrhundert leben wir? Die rein-deutsche EC-Karte, die es unter diesem Namen schon seit Jahrzehnten nicht mehr gibt, verschwindet nun Gott sei Dank auch als Girocard. An fast allen Ladesäulen kann man mit der Kreditkarte und Smartphone bezahlen, der Preis ist aber in der Regel deutlich höher.
Absolut praxistauglich sind Ladekarten, von denen man auch nicht mehr Dutzende braucht, sondern eigentlich nur eine. Wir hatten auf unserer Reise zwei dabei. Die BMW Charging Card und die EnBW mobility+ Card, jeweils wäre auch die App zum Starten des Ladevorganges ausreichend gewesen, mit der Karte geht es meist schneller. Alle Ladestationen, die mit BMW Charging nutzbar waren, hätten wir auch mit mobility+ nutzen können und umgekehrt. BMW Charging hat natürlich den Vorteil, dass das eingebaute Navi diese Stationen anzeigt. Geht´s bequemer?
Soviel zunächst zu unseren Reisevorbereitungen und den Informationen, die der größte Automobilclub dazu beitragen möchte. Im nächsten Teil geht es endlich auf die Reise.